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Paderborn, 4. Juni. Einen ganz vorzüglichen Verlauf nahm das gestern gefeierte erste Gauturnfest des „Ostwestfälischen Turngaues". Nachdem das Fest am Vorabend durch Serenaden und einen Festcommers eingeleitet, rückten schon mit den Morgenzügen die Turner von Nah und Fern in stattlichen Schaaren heran. Gegen 8 Uhr vereinigte sich das Kampfgericht zu einer gemeinsamen Sitzung, wobei der Gauvertreter es jedem der Herren warm an’s Herz legte, stets nach Ehr und Gewissen zu richten. Um 9 Uhr nahm das Preisturnen (Sechs-Kampf am Reck, Barren, Pferd, Hochsprung, Steinstoßen und Laufen) in der Volkshalle seinen Anfang. Mittags halb 2 Uhr bewegte sich der imposante Festzug (in demselben befanden sich die Vereine: Westfalia Neuhaus, Salzkotten, Altengeseke, Lippstadt, Warburg, Wiedenbrück, Soester Turnverein, Turnverein Jahn Soest, Geseke, Driburg, Warstein, Paderborner Turnverein, Allgemeine Turnverein und Turnverein Jahn Paderborn mit ihren Fahnen und Standarten und unter Vorantritt eines Tambourcorps, sowie der ganzen Kapelle des Husaren-Regts. Nr. 8) durch die mit Fahnen, Guirlanden und Ehrenpforten reich geschmückten Hauptstraßen zum Rathause, woselbst der stellvertretende Bürgermeister, Herr Müller, die Vereine namens der Stadt Paderborn herzlichst willkommen hieß. Nachdem sich hier der Ehren-Ausschuß angeschlossen, trat der Festzug den Marsch zum Schützenhofe an, wo gegen 3 Uhr ein gemeinsames Festessen stattfand. In einer der Zwischenpausen stattete der Gauvertreter Herr Dr. Schäfer, Soest der Stadt Paderborn und den drei beteiligten Vereinen, welche es verstanden, das erste Wiegenfest des neuen Gaues zu einem so glänzenden zu gestalten, namens der Vereine des Turngaues den Dank ab. Auf Antrag des zweiten Gauvertreters Herrn Ripke, Lippstadt brachte der „Ostwestfälische Gau“ seinem Ehrenmitgliede Herrn Rektor Bartholomäus, Hamm sowie dem Hellweg-Märkischen-Gaue, welcher gleichzeitig sein Gaufest in Hamm feierte, die herzlichsten Glückwünsche dar. Unter der Leitung des ersten Gauturnwarts Herrn J. Rhode, Paderborn fand um halb 5 Uhr der von ca. 200 Turnern ausgeführte Aufmarsch, die Stabübungen und der Abmarsch statt. Mit ganz besonderem Interesse folgte man diesen Uebungen. Die Haltung während des Aufmarsches und der Stabübungen war mustergültig. Sodann ergriff der Vorsitzende des Ehren-Ausschusses, Kgl. Geh.-Regierungs Rat, Landrat Jentzsch das Wort und führte in längerer Rede die Entstehungs- und Entwickungsgeschichte der Turnerei aus. Mit einem dreifachen Gut Heil auf den Förderer der edlen Turnerei, Se. Majestät Kaiser Wilhelm, endete die Ansprache, nach welcher gemeinsam die Nationalhymne angestimmt wurde. Nun folgten im bunten Nacheinander Concertvorträge, Musterriegenturnen der einzelnen Vereine Käulenschlagen des Allgem. Turnvereins Paderborn nach dem Takt der Musik u. s. w. Mit dem sodann beginnenden Festball fanden die Veranstaltungen ihren Abschluß. Die Paderborner Turnvereine haben es verstanden, ihren Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Das erste Gau- und Wiegenfest wird in jedem Herzen eine dauernde Erinnerung zurücklassen.
Gut Heil!
entnommen aus "Lippstädter Zeitung" Nr. 65 vom 6. Juni 1894
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