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Vom herrlichsten Wetter begünstigt und unter zahlreicher Betheiligung fand das erste Gauturnfest des neugegründeten ostwestfälischen Turngaues statt, zu welchem auch der Geseker Turnverein gehört.
Dem Programme gemäß eröffnete der 1. Vorsitzende des Gaues Herr Dr. Schaefer, Soest um 8 Uhr Morgens in der Volkshalle die Preisrichtersitzung mit (der Ermahnung und Bitte, recht strenge und gleichmäßig gegen alle Preisturner zu sein, damit sich Niemand zurückgesetzt fühle.
Die nun beginnenden Uebungen brachten für die Zuschauer eine Reihe solcher Ueberraschungen, daß dieselben, trotzdem das Preisturnen bis nahe 12 Uhr währte, sämmtlich bis zum Schluß aushielten und die Entwickelung der Uebungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgten. Punkt ½ 1 Uhr setzte sich der Festzug, Festausschuß, Gauvorstand und Kampfrichter an der Spitze, zum Abholen der Fahnen und zur Begrüßung des Ehren-Fest-Ausschusses zum Rathhause in Bewegung, woselbst die Turner Namens der Stadt Paderborn von dem 2. Bürgermeister Herrn Müller mit kurzen, kernigen Worten begrüßt wurden. Redner betonte besonders, daß das heutige Fest nicht zur Beförderung der Genußsucht gefeiert werde, sondern als ein Fest, wo strenge Manneszucht, freiwilliger Gehorsam, Arbeitsamkeit und Enthaltsamkeit für jeden Turner Bedingung sei. Redner betonte, daß die Turnvereine hauptsächlich nach Vater Jahns Bestimmung ein festes Bollwerk für Kaiser und Kirche sein sollten und forderte die Turner auf, namentlich in gegenwärtiger Zeit der Umsturzbewegung treu zum Kaiser und zur Kirche zu stehen. Die Antwort hierauf gaben die Turner in dreifachem brausenden Hoch auf Se. Majestät.
Mit dem Ehren-Fest-Ausschuß an der Spitze, setzte sich nun der Festzug durch die Straßen der alten Paderstadt zum Schützenplatz in Bewegung. 14 Fahnen flatterten lustig im Zuge.
Der Eindruck, den der Festzug auf das anwesende Publikum gemacht hatte, konnte man am besten an den Schaaren wahrnehmen, die kurz nach Ankunft des Festzuges nach dem Festplatze stürmten und waren schon um 4 Uhr sämmtliche Karten vergriffen. Die von etwa 200 Turnern ausgeführten Freiübungen, wurden von dem zu Tausenden zählenden Publikum mit großem Beifall aufgenommen.
In derselben Ordnung wie aufmarschirt, entwickelte sich der Abmarsch, und marschirten die Turner jetzt vor den in der Mitte des Platzes befindlichen Pavillon, aus welchem Herr Landrath Jentzsch in längerer von Begeisterung getragener Rede die Turner begrüßte.
Durch das offenbare Wohlwollen, welches der Herr Landrath in seiner Rede dem Turn-Verein entgegenbrachte, erwarb sich der hohe Herr von vorneherein den Dank und die Sympathie der anwesenden Turner. Nach einem Hoch auf Se. Majestät begann das Turnen der Musterriegen unter welchen sich auch die Musterriege des Turnvereins Geseke am Reck auszeichnete.
Um 7 Uhr begann die Preisvertheilung durch Festrede des Herrn Dr. Schäfer eingeleitet und stellte es sich jetzt heraus, daß der Turnverein Geseke den 8. (von 18) Preis erworben und zwar der Turner H. Wolf. Mit Hurrah wurden die Preisturner auf den Schultern zum Empfange der Kränze getragen und setzten sich dann die auswärtigen Vereine nach kurzem Abschied von den Brudervereinen mit dem Zuruf „auf Wiedersehn in Geseke“ in Bewegung um noch die Abendzüge in der Richtung zur Heimath benutzen zu können. Nicht der geringste Mißton trübte das Fest und hatte selbst Jupiter Pluvius ein Gefallen an dem Wettstreit der jungen Turner, da die Schleusen des Himmels verschlossen blieben und stets die Sonne an genanntem Tage freundlich lächelte. Für Turner sowohl wie für Zuschauer war das Fest in jeder Weise ein zufrieden stellendes; für die Turner wird es ein besonderer Ansporn sein in Zukunft noch eifriger zu üben und hofft unser junger Geseker Turnverein, das nächste Mal noch siegreicher aus dem Wettkampf hervorzugehen.
Dem Turnverein Geseke ein kräftiges „Gut Heil!“
entnommen aus "Geseker Zeitung" Nr. 45 vom 6. Juni 1894
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