Ostwestfälischer Turngau
Mittwoch, 04.02.2026, 04:46:35
1. Gauturntag des Ostwestfälischen Turngaues in Soest

Soest, 12. Febr. Der gestern in dem hiesigen Ressourcensaale tagende Gauturntag des Hellweg-Märkischen-, Ostwestfälischen- und Sauerländischen-Gaues war sehr besucht. Der Gauvertreter des Hellweg-Märkischen-Gaues Herr Rector Bartholomäus eröffnete um 10½ Uhr die Versammlung und hieß die Erschienenen Turngenossen Namens des Gauturnraths herzlich Willkommen; zugleich knüpfte er daran den Wunsch, daß die heutigen Versammlungen zum Wohle und Segen der deutschen Turnerschaft gereichen möchten und fordert die Turner in warmen und beredten Worten auf, des Förderers der edlen Turnerei, nämlich des Kaisers mit einem Hoch zu gedenken, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. Nach Feststellung der Präsenzliste durch den II. Gauvertreter gedenkt Herr Rektor Bartholomäus in warmen Worten eines z. Z. erkrankten um die Turnsache sehr verdienten Genossen und wünscht ihm recht baldige Genesung.
Versammlung gibt durch Erheben von den Sitzen diesem Wunsche Ausdruck. Sodann berichtete der 1. Gauvertreter, Herr Rector Bartholomäus, daß der 8. Turnkreis die Theilung des Gaues in 3 gesonderte Gaue, (Hellweg-Märkischen-, Ostwestfälischen- und Sauerländischen) genehmigt habe, und verliest darauf den eingehenden Verwaltungsbericht. Darauf legte der Gaukassirer Herr Schildwächter Rechnung für das Jahr 1892/93. Der Gau hatte eine Einnahme von 1308 Mk. 04 Pfg., eine Ausgabe von 1282 Mk. 42 Pfg., mithin einen Ueberschuß von 25 Mk. 62 Pfg. Hierzu kommen jedoch die s. Z. bei der Sparkasse hinterlegten Gelder im Betrage 500 Mk., sodaß der Gau über ein Baarvermögen von 525 Mk. 62 Pfg. verfügt. Von dem Turnverein Hamm wurde die Rechnungs-Aufstellung geprüft und da sich nichts zu erinnern fand dem Kassirer Decharge ertheilt.
Auf Antrag des Ostwestfälischen-Gaues: der Gauturnrath möge den 3 ausscheidenden Vereinen eine Mitgift von dem Baarvermögen des Gaues zu Theil werden lassen, wurde demselben von dem vorerwähnten Baarvermögen 10% und dem Sauerländischen-Gau 5% zugebilligt. Versammlung erklärte sich damit einverstanden. In längerer Rede verkündet sodann der 1. Gauvertreter die Theilung des Gaues und bedauert dabei, daß die so sehr beliebten und bewährten Kräfte aus dem Hellweg-Märkischen-Gau scheiden müßten. Der Gauvertreter des Ostwestfälischen-Gaues Herr Dr. Schäfer dankt Namens desselben für die vorerwähnten anerkennenden Worte und verspricht, daß der jetzige Ostwestfälische-Gau sich nach besten Kräften bestreben werde, stets ein würdiges Glied des Muttergaues zu sein. Am Schlusse seiner inhaltsreichen Rede fordert Herr Dr. Schäfer die Glieder des Ostwestfälischen-Gaues zu einem dreifachen Gut Heil auf den Hellweg-Märkischen Gau auf, in welches man kräftig einstimmte.
Sodann rückte die Trennung heran, wo ein jeder Gau seine eigene Tagesordnung erledigte. Bei dieser Gelegenheit konnte der Gauvertreter des Hellweg-Märkischen Gaues nicht umhin, dem scheidenden Gaue die herzlichsten Wünsche zum fröhlichen Gedeihen durch ein dreifaches Gut Heil zuzurufen. Nachdem der Ostwestfälische-Gau sich sodann in einem der Nebensäle versammelt hatte, warf der I. Gauvertreter Herr Dr. Schäfer einen kurzen geschichtlichen Rückblick auf das Zustandekommen des jetzigen ostwestfälischen-Gaues. Nachdem die Vertreter der einzelnen Vereine festgestellt waren, wurde Punkt 1 der Tages-Ordnung „Gaufest“ berathen. Einstimmig beschloß man, dasselbe zu feiern und als Ort wurde, nachdem sich die 3 in Paderborn bestehenden Vereine bereit erklärt hatten, dasselbe dort möglichst in der ersten Hälfte des Monats Juni zu übernehmen, Paderborn genehmigt. Der Werthung wird die Wettturnordnung des 8. Kreises zu Grunde gelegt, jedoch mit der Aenderung, daß alle Diejenigen, welche noch ½ von der höchst zu gewinnenden Punktzahl gewinnen, als Sieger proklamirt werden. Für Geräthturnen bestimmte man Reck, Barren und Pferd; als volksthümliche Uebungen Hochsprung, Steinstoßen und Laufen (100 Meter) mit Umkehr. Bei schlechter Witterung soll das Laufen fortfallen und dafür der Weitsprung stattfinden. Das Einzelwettturnen soll am Vormittage, dagegen die gemeinsamen Freiübungen, Musterriegenturnen der einzelnen Vereine, Spiele und Kürturnen am Nachmittage stattfinden. Die Pflichtübung zu dem Preisturnen stellt der 1. Gauturnwart Rohde auf, welcher dieselbe mindestens 8 Tage vor der Gauvorturnerstunde den Vereinen mitgetheilt haben muß. In der ersten Vorturnerstunde sollen die Turnwarte der einzelnen Vereine in Gemeinschaft mit den Gauturnwarten den Uebungsplan zu dem Gaufeste feststellen, desgleichen soll jeder Verein möglichst bis zur nächsten Gauvorturnerstunde ein resp. zwei Kampfrichter namhaft machen, aus welchen das Kampfgericht gebildet werden soll und zwar so, daß möglichst jeder Verein einen Vertreter darin hat. An Gausteuer sollen jährlich 90 Pfg. für jedes beitragspflichtige Mitglied gezahlt werden. Die Neu- resp. Wiederwahl des Gauturnraths erledigte sich durch die Wahl nachstehender Herren:
Dr. Schäfer vom Turnverein Soest erster Gauvertreter, Ripke, vom Turnverein Lippstadt als zweiter Gauvertreter, B. Amend vom Turnverein Paderborn Gaukassirer, Rohde vom Allgem. Turnverein Paderborn erster Gauturnwart, Wiethaupt vom Turnverein Paderborn zweiter Gauturnwart, Leinweber vom Turnverein Soest Geschäftsführer. In Folge der großen Verdienste um die edle Turnsache ernannte der Ostwestfälische-Gau den ersten Gauvertreter des Hellweg-Märkischen-Gaues Herrn Rector Bartholomäus, Hamm einstimmig zu seinem Ehrenmitgliede. Herr Dr. Schäfer wurde beauftragt demselben von dieser Ernennung Kenntniß zu geben. Im März sollen in Geseke, im Mai in Paderborn, im September in Soest, im November in Lippstadt Gauvorturnerstunden abgehalten werden. Nunmehr in die Berathung der Gausatzungen eintretend verlas der erste Gauvertreter den Entwurf, der bereits vom Gauturnrath in der Sitzung in Lippstadt s. Z. festgestellt war. Nach einigen erläuternden Bemerkungen wurden dieselben ohne Abänderung angenommen. Nach Erledigung einiger nebensächlicher Fragen und nach Verlesung des Protokolls wurde die Versammlung geschlossen. Um 3 Uhr Nachmittags vereinte man sich zum Mittagessen, welches durch schwungvolle Reden und Gesangvorträge gewürzt wurde. Gar manche alte Turngenossen drückten sich die Hände beim Wiedersehen in der alten Stadt Soest und freudigen Herzens werden die Theilnehmer an die in unsern alten Mauern verlebten Stunden zurückdenken. Gut Heil!

Entnommen aus "Soester Kreisblatt" Nr. 18 vom 13. Februar 1894